Wozu eine SEO-Konferenz taugt und wozu nicht

By 31. Oktober 2011knowhow

Letzte Woche fand die erste SEO-Konferenz in Köln statt und es gab einiges an Recaps, Meinungen und Feedback. Marco Janck hatte bereits im Abschlusspanel seinen Unmut darüber geäußert, dass die Themen und Richtungen nicht unbedingt für jeden und alles zielführend seien. Er hat in einem vielkommentierten Blogbeitrag auch die Frage aufgeworfen: Wie werden sich die deutschen SEO-Konferenzen entwickeln? Bei SEO-United läuft eine Umfrage, wie viel Konferenzen braucht die SEO-Szene? Und schließlich hat Julians Blogbeitrag mich dazu bewogen, auch meinen Senf zu posten und ihm nebenbei heftig zu widersprechen!

Meiner Meinung nach sind derzeit gerade verschiedene Aspekte in dem Diskurs unterwegs, die munter durcheinander gewürfelt werden.

(1) Den einen SEO gibt es nicht (mehr)! Das Berufsbild eines SEOs ist mittlerweile nicht mehr nur der Experte, der viel Erfahrung hat und neben dem Alltäglichen auch hier und da einen Trick und Tipp über hat. Es sind vor allem Marketing-Menschen, die in ihren Unternehmen als Inhouse-SEOs arbeiten und dort auch viel intern zu argumentieren und kämpfen haben. Es sind aber auch junge und teils unerfahrene neue SEOs in Agenturen, die sich in die Thematik einarbeiten müssen und wollen. Deswegen muss ich Julian absolut widersprechen, wenn er schreibtdas ist die Arbeit eines SEOs – und das sollte man selbst können.” Je nach Arbeitsbereich muss man nicht ein erfahrungsreicher und wissender Marcus Tandler oder [insert your SEO here] sein, um gute Arbeit zu machen. Manchmal heißt SEO sein auch viel zu kommunizieren und die Arbeit sinnvoll (!) zu verteilen. Für dieses sinnvoll – da braucht man Ahnung, ohne Frage. Aber man muss nicht zwangsläufig alles selbst Jahrzehnte gemacht haben und jedes Tool kennen. Ich selbst bin seit 2000 aktiv im SEO-Business, habe ein (gemessen an der Leserzahl) erfolgreiches Buch geschrieben, habe täglich mit SEO zu tun – aber hey… ich kenne auch nicht jedes Tool und jeden möglichen Arbeitsschritt in seiner aktuellen Ausprägung. Warum auch. Insofern kann man auch als SEO in einem Unternehmen erfolgreich sein, wenn man sich wie im Supermarkt fühlt. Muss aber nicht, deswegen gehen die Jungs und Mädels ja eben auf Konferenzen in der Hoffnung, mehr zu erfahren.

(2) Zu viele Konferenzen – quatsch! Wer eine gute Konferenz anbietet, gewinnt Reputation, hat ‘ne Menge Arbeit und hat aber auch v.a. eins: Standing in der Community (und ich frage mich auch immer: mehr Aufträge? :)). Wieso diskutiert man, ob es zu viele Konferenzen gibt? Wenn doch irgendwas klar ist, dann das: Es werden sich bestimmte Konferenzen und Events etablieren – der Rest wird vor sich hin tropfen und irgendwann aussterben. Einfacher Darwinismus.

(3) Unterschiedliche Ansätze der Konferenzen – mehr davon! Wieso wird eigentlich bei der ganzen Konferenz-Diskussion übersehen, dass hier über komplett unterschiedliche Dinge geredet wird? Auf den SMXs und DMEXCOs dieser Welt herrscht ein ganz anderer Flair als auf einer Campixx. Ich selbst habe noch nie so eine offene Atmosphäre erlebt wie auf der SEO-Campixx dieses Jahr.  Das ist erstaunlich, weil sich hier im Endeffekt auch und vor allem Mitbewerber unterhalten und Wissen teilen. Klar, da gab es auch eine Menge Mist dabei, weil viele Redner die Themen nicht rüber bringen können oder vielleicht auch nicht wollen. Dass aber ein SEO-Day, bei dem Fabian absichtlich nur und ausschließlich die “SEO-Promi-Riege” mit entsprechendem Background auftreten lässt, nicht einen “get the spirit”-Effekt haben kann, ist doch klar. Soll es aber auch gar nicht! Fabian wollte ein cooles Event in Köln auf die Beine stellen und Leute nach Köln holen – hat er geschafft! Aber gerade, weil alle Sprecher die sind, die sie sind, ist der erste SEO-Day auch kein Event für Anfänger gewesen. Dass sich das Podium am Ende zu meiner und anderer Belustigung über teils recht sinnfreie Fragen lustig macht, kann man entweder nur lustig finden oder auch störend, arrogant oder einfach daneben. Ich fand es sinnbildlich für den gesamten SEO-Day – weil eben die “sprech mich an”-Mentalität hier von Anfänger zu Experten eben nicht da war (auch wenn dies mehrfach betont wurde). Ich habe  – als Nicht-Promi mit entsprechender Erfahrung – aber dennoch viel mitgenommen und insofern kommt es bei dem Event einfach auf die Passgenauigkeit von Zuhörer und Speakern an!

(4) Wissenschaftstagungen vs. SEO-Konferenzen: Ich konnte als wissenschaftlicher Mitarbeiter mehrere wissenschaftliche Tagungen besuchen und erleben. Bei der wissenschaftlichen Tagung geht es darum, neuste Erkenntnisse und Studien in einem Bereich vorzustellen, zu diskutieren und sich auszutauschen. Kurzum: Die jeweilige Disziplin voran zu bringen. Bei SEO-Konferenzen geht es aber darum, seine eigene Erkenntnis und sein Projekt (oder Kundenprojekt) voran zu bringen. Also im Prinzip mehr “Nehmen” als “Geben”. Wer etwas anderes behauptet, für den ist SEO entweder nur ein finanzunabhängiges Hobby oder er hat ausreichend viele Projekte. :) Denn letztendlich geht es dabei um das schnöde Geldverdienen. Deswegen sitzen in den “Mit einem Tool schnell und einfach 1000 Links aufbauen mit einem Klick”-Blackhat-Sessions immer mehr Zuhörer, als in einem “philosophisch angehauchten” SEO-Vortrag von einem relativ unbekannten Speaker.
Nun ist es in der Wissenschaft seit Jahrhunderten aber auch so, dass die Reputation des einzelnen in der Disziplin sehr wichtig ist, es Befindlichkeiten gibt und auch entsprechende “Stallgerüche” (ähnliche Theorienansätze, Sympathien und Co) gibt. Wer zu Prof. Dr. Dr. X Y einfach “Hey X” sagen kann und auf den Nachnamen verzichtet (von den Titel ganz abgesehen), der ist “in the team”. Das ist bei den SEOs ganz genau so.

Zusammenfassend:

  • Es wird mehr SEO-Konferenzen geben, sie werden sich diversifizieren und nur die besten und stärksten werden überleben.
  • Jeder, der ein SEO-Event organisiert wird sich fragen müssen: Wen spreche ich an, wen und wie lade ich ein, wer darf und soll sprechen. Wenn ich ausgewählte SEO-Promis einlade, darf ich keine Einsteigerthemen erwarten – wenn ich jeden einlade, der nachweislich einen guten Vortrag mit einem guten Thema halten kann und dann noch darauf achte, dass von allem etwas dabei ist, darf ich weniger SEO-Promi-Schein erwarten. Ergo, nochmal: Wen spreche ich an, wen und wie lade ich ein, wer darf und soll sprechen.
  • Eitelkeiten gibt es auch in der SEO-Branche, Kuscheln ist erlaubt, aber nicht die Regel. Auch wenn sich jeder beim Vornamen anredet.
  • Ein SEO ist nicht gleich SEO – sowohl die Ausrichtung als auch der Grad an Erfahrung werden sich noch weiter ausprägen. Und das ist ja nichts Neues:  Welcher gute SEO kann ein DNS Cache Poisoning implementieren – aber verstehen und begreifen kann er es.
  • Die SEO-Branche noch steht erst am Anfang und es wird noch einiges an Umwälzungen geben. Mehr Offenheit tut da bestimmt nicht schlecht.
  • Wo bleiben eigentlich die Ansätze, mal wirklich einen gemeinsamen Kanon zu schaffen? Ich erinnere mich an Mario Fischer, der gemeinsame KPIs einführen wollte, an immer wieder gute und offene Gespräche auf Konferenzen über die Probleme und Herausforderungen mit SEO-Kunden, KMUs und Inhouse-Kämpfen. Und und und. Die Branche ist noch jung!
  • Ganz wichtig: Vieles findet zwischen den offiziellen Panels statt. Beim Essen, Bier, auf der Party oder auch beim Kickern. Konferenzen leben meiner Meinung nach hauptsächlich davon, wer dort ist und wie offen dort miteinander umgegangen wird. Und da erzähle ich einem SEO-Verantwortlichen, der absoluter Newbie in einer großen Werbeagentur ist, auch gern einmal ein paar Erfahrungen.
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Sebastian Erlhofer
Sebastian Erlhofer

Sebastian Erlhofer ist Gründer und Geschäftsführer der mindshape GmbH. Seit 2002 beschäftigt er sich intensiv mit den Themen SEO, SEA und CRO. Er ist Autor des Buches "Suchmaschinen-Optimierung".

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3 Comments

  • […] der OMCap in Berlin hatte ich mich mit Jens von gefruckelt darüber unterhalten, nun ist es auch in verschiedenen Blogs nach dem SEO-Day in Köln aufgekommen: Wo sollte sich das Niveau einer SEO-Konferenz […]

  • […] Linkprofil Analyse Interne und eigehende Links Master: Sebastian Erlhofer […]

  • […] 450 Teilnehmer waren 2011 dabei. Und warum sollte man 2012 unter den Ticketbesitzern sein? Vielleicht nicht zufällig haben sich im Anschluss an die letzte Konferenz einige Grundsatz-Debatten angeschlossen: Wie viele SEO-Veranstaltungen pro Jahr sind optimal? Welche Veranstaltungen richten sich eher an Newbies, welche eher an Fortgeschrittene? Es gehört vermutlich ebenfalls zur vielzitierten „längst überfälligen Professionalisierung“ in der SEO-Szene, dass sich hier allmählich ein Klärungsprozess ergibt. Auch ganz prinzipiell zu der Frage: Wozu taugt eine SEO-Konferenz und wozu nicht? […]

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